Der Frieden war längst beschlossene Sache, ein lauer Frühling zog ins Land. Die Amseln
jubilierten, als Leonhard eines Abends die Moltkestraße entlang geschlendert kam,
durchdringend Ick wundere mir über jarnischt mehr pfeifend,
vergnügt ein gerupftes Huhn schwenkend. Man konnte ihn von weitem hören und summte mit.
Beim Betreten des Wohnzimmers umwehte ihn eine dezente Alkoholfahne. Er hätte gern
gewusst, was sein großer Bruder von einem gemischten Doppel halten würde, seine Reaktion
beobachtend: halb belustigte, halb gespannte Gesichtszüge Wie ahnungslos er war! Konnte
sich nicht vorstellen, worauf Leonhard hinauswollte, hatte versucht, Zeit zu gewinnen,
indem er die Binde von seiner aus der hiesigen Fabrik Grünbaum stammenden Zigarre
entfernte.
Es sei eine Lebensaufgabe, die seinen Segen erfordere, löste dieser vergnügt das Rätsel
auf, denn er plane, Ottilies jüngere Schwester Dorothea zu heiraten. Lange genug hatte
er das Geheimnis gehütet, dann war es zu seiner Erleichterung auf dem Tisch. Schmunzelnd
hatte August den Wermut der Vitrine entnommen und die Schnapsgläser randvoll gegossen,
der Hoffnung Ausdruck verleihend, Leonhards Ehe werde sich ebenso glücklich entwickeln
wie die seine. Hatte sich bis spät in die Nacht mit ihm ausgetauscht über die im
Pfarramt vollzogene Verlobung, das Einholen des väterlichen Segens und die
vergleichsweise guten Partien, gewitzelt, man sollte in Erwägung ziehen, Bruder Alois an
die Dritte im Bunde, Paulina, zu verkuppeln. Martha, die Jüngste, das Enfant Terrible,
war bereits verlobt mit einem Protestanten; das Paar hatte sich trotz vehementen
Einschreitens ihres Vaters einander versprochen und ließ dies im evangelischen
Kirchenbuch registrieren. Daraufhin war Martha die Mitgift entzogen und ihr Anteil dem
der vier Geschwister aufgeschlagen worden.
Leonhards Hochzeit im Juli 1919 hatte sich zur rauschenden, entfesselten Feier
gesteigert, die vom langersehnten Frieden zeugte. Dorothea hatte das schwarze Gewand von
Ottilie angezogen, trug dazu einen weißen, tief in die Stirn gezogenen Schleier mit
einem schmalen silberfarbenen Samtband darüber. Man hatte überlebt, taumelte und tanzte,
war einfach nur glücklich, sang, trank und lachte bis in den frühen Morgen. Ottilie
stand kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes.
Das gemütliche Schnauben des Ackergauls reißt den Familienvater erneut aus seiner
geistigen Abwesenheit. Ein Stück weit voraus springt ein Rudel Rotwild über den Weg, er
muss achtgeben und strafft die Zügel, um einem Scheuen des Pferdes vorzubeugen.
Hatten sich die Dinge in den Folgejahren verbessert? Über Wasser konnte er sich
einigermaßen halten, bis gegen Ende der Zwanzigerjahre die mageren Verkäufe in der mit
Wild, Geflügel und Eiern dürftig bestückten HinterhofScheune (beim Förster und Bruder
günstig erworben) der ständig wachsenden Familie zum Sattwerden nicht mehr ausreichten.
Verursacht durch die Weltwirtschaftskrise war die Kundschaft weitgehend ausgeblieben,
auf Wild verzichtete man, Eier wurden bei Bekannten erbettelt. Bis zum Hals hatte er in
hohen finanziellen Belastungen gesteckt, die staatliche Unterstützung war erbärmlich
gering. Immerhin, dank der Bauern unter den Verwandten, die für den Eigenbedarf genügend
Nahrung hervorbrachten, hatte niemand hungern müssen.
Von nun an, August richtet sich auf, schnalzt mit der Zunge und lockert die Zügel, von
nun an wird er es zu Wohlstand bringen. Er ist äußerst zuversichtlich. Die Karten sind
optimal gemischt. Der Zuschlag für den Laden ist wie ein Lotteriegewinn. Mehr noch: der
Start in eine gesicherte Zukunft.
Am 30. Juni wird die heiß ersehnte Eröffnung gefeiert. Wie erhofft, wird die
überschaubare Moltkestraße wegen der relativ hohen Anzahl sich aneinander reihender
Fachgeschäfte und des direkten Zugangs zum Marktplatz häufig frequentiert. Die drei
Mädchen dürfen ihre schönen Blusen anziehen und am Eingang erwartungsvolle Passanten
hineinbitten. Mittels eines rostbraunen, dreibeinigen Metallständers, beklebt mit
braunem Karton und der Aufschrift
Neueröffnung! Butter- und Käsehandlung. Inhaber August Radke
in dunkelblauer Wandfarbe werden die Kunden willkommen geheißen. Er ist frisch
gebackener Ladeninhaber! Und in Hochform. Verkaufen liegt ihm, hat ihm von jeher
Vergnügen bereitet. Im stets frisch gestärkten Kittel sprüht er vor Charme bei Alt und
Jung, verteilt am heimischen Herd gebrannte Karamellbonbons an die Jüngsten,
mundgerechte Käse- und Obststückchen an ältere Herrschaften, schwingt die Axt beim
Zerteilen des Wildfleisches, dessen strenger Geruch sich mit dem der würzigen Käsesorten
vermischt. Den jüngeren Leuten gibt er mit Freuden den einen oder anderen Schwank aus
seiner Kindheit im Kaiserreich zum Besten. Dass er trotz der täglichen Nahrungsaufnahme
von Kartoffeln und Butterbroten diese Lebensmittel von Jugend an geliebt habe. Dass es
damals längst etliche moderne Produkte gegeben habe; beispielsweise in Stettin seien von
der Firma Stoewer Näh- und Schreibmaschinen hergestellt worden. Dass die feinen Leute
Hüte getragen hätten und mit Automobilen und Fahrrädern durch die Gegend gestreift
seien. In lebhafter Erinnerung habe er die eben den Windeln entwachsenen Buben mit
Lederschuhen, während er barfüssig umhergestreunt sei, was ihn bis zum heutigen Tage
veranlasse sicherzustellen, dass jedes seiner Kinder in ordentlichen und geputzten
Schuhen herumlaufe.
Von Woche zu Woche erhöht sich die Anzahl der Kunden, die Umsätze steigen langsam, nicht
zuletzt bedingt durch die sinkende Anzahl der Arbeitslosen im Reich. Dem Himmel sei Dank
konsumieren die Leute wieder. Auch im Netzekreis, nahe Polen. Am Ende der Welt. Im
verträumten Schönlanke. Wenn nicht die Pressemeldungen wären. Die Polen und die
Deutschen – das unerschöpfliche Thema. Felder von immensem Ausmaß vernichten sie hüben
und drüben, das Korn lodert in hellem Rot. Gegenseitig vergällen sie sich das Leben. Die
stets wiederkehrenden Meldungen in den Provinz- wie in den überregionalen Blättern über
Belästigungen der den polnischen Korridor durchquerenden Deutschen unterwegs in den
Zügen von Berlin bis Königsberg (in Schneidemühl ist der Zustieg möglich) heizen das
gereizte Klima auf. Zur Empörung der Deutschen hatten die Polen durch den Zugewinn des
größten Teils von Westpreußen den ersehnten Zugang zum Meer erlangt, der seit 1920
Ostpreußen vom Deutschen Reich abspaltet. August kann sich nicht vorstellen, dass diese
aufgepeitschte Stimmung einzudämmen ist, denn nach seiner Überzeugung schürt das Reich
den Zwist.
Einen Tag nach der Niederkunft Ottilies am 5. August dürfen die Geschwister nach dem
sonntäglichen Kirchgang einen Namen auswählen. Die Diskussion endet in einem hitzigen,
vor allem unnötigen Streit: die Jungen präferieren Eva, die Mädchen Brigitta. Bis der
Vater einschreitet und kurzerhand entscheidet, das Kind solle die beiden gewünschten
Namen tragen. Gemeinsam überlegen sie abschließend, dass bisher keiner der Töchter der
Vorname der Mutter zuteil geworden war und diese kürzlich nachdrücklich angemerkt hatte,
die neunte sei die allerletzte Namensgebung. Somit wird der Säugling getauft auf
Brigitta Eva Ottilie.
Die Familienfeiern reißen nicht ab: der verwitwete Schwager Konrad heiratet am
Monatsende. Häufig hatte er August aufgesucht, wo sie bei Zigarren und mehreren Gläschen
Korn stundenlang Erinnerungen an die wundervolle Partnerin und Schwester auffrischten.
In all den Jahren hatte keine Schöne weit und breit seiner Angela das Wasser reichen
können. Dem Druck seiner Verwandten nachgebend, seinen Kindern zuliebe von vorn zu
beginnen, ist er nach langem Ringen nun wieder für die Ehe bereit.
Ottilie passt noch nicht in ihr festliches Kleid hinein, erwirbt daher bei der
Manufaktur Rosenstrauch eine schlichte, elegante Bluse mit V-Ausschnitt in Lindgrün mit
Perlmuttknöpfen und trägt dazu ihren grauen Schwangerschaftsrock, den sie mit gezielten
Stichen etwas schmaler gezaubert hat. August legt durchaus Wert auf ein figurbetontes
Äußeres. Er hält sein Gewicht seit seiner Jugend; der alte anthrazitfarbene Anzug passt
ihm noch und steht ihm vorzüglich. Während der Trauungszeremonie beobachtet er seine
zehnjährige Nichte Gertrud, die mit hüftlangen kastanienbraunen Zöpfen neben ihrem Vater
hockt und einen überglücklichen Eindruck erweckt. Sie versteht sich gut mit ihrer
künftigen Stiefmutter.
Trotz der spürbar harten Holzbank bewundert er das majestätisch hohe Kirchenschiff, die
kühle Temperatur genießend. Leider sind die für den anschließenden bäuerlichen
Hochzeitsschmaus aufgestellten Stühle im Garten nicht weniger ungemütlich. Nur auf die
weiblichen, älteren Gäste warten bläulich-verblichene runde Sitzpolster. Die Männer sind
ohnehin mehr an den alkoholischen Getränken interessiert. Vier von ihnen sondern sich
ab, einer von ihnen halb entschuldigend »wi wullt nu Skat kloppen un nich palavern«
murmelnd, mischen die Karten, genießen eine Runde Kräuterschnaps und Korn nach der
anderen, während sich die Hochzeitsgesellschaft nach den beschwingten Klängen der
Kapelle vergnügt. August ist nicht nur ein begnadeter Tänzer, er versteht es überdies
ausgezeichnet, den Frauen das richtige Kompliment zu schenken. Ottilie hat nie zu
Eifersucht geneigt, und sie darf ihm zu Recht vertrauen: in den siebzehn gemeinsamen
Jahren hat er nie die Grenzen des Anstands überschritten.
Sie beide, Bauer und Handeltreibender, darin sind sie einhelliger Meinung, haben den
richtigen Weg eingeschlagen, der Volksgemeinschaft durch die Versorgung mit
Nahrungsmitteln zu dienen. Das ist ihre Berufung. Es kann nicht falsch sein.