Butter statt Kanonen

Roman

Inhalt

  • Prolog
  • Die letzte Kutschfahrt
  • Der Kaufmann
  • Räder müssen Rollen für den Sieg
  • Fremdarbeiter und Früchte
  • Adelheid
  • Der Trostbrief
  • Flieg, Brigitta, flieg
  • Die Wahrheit
  • Ferien und Heiratspläne
  • Glacéhandschuhe
  • Pommernland, abgebrannt
  • Sieger und Schweinsköpfe
  • Bis ans äußerste Meer
  • Die Ausweisung
  • Epilog

Leseprobe, 4. Kapitel

Fremdarbeiter und Früchte

Leben allein genügt nicht, sagte der Schmetterling. Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muss man auch haben. Hans Christian Andersen

Die Ladenklingel ertönte hell und heftig. Igor baute sich im Türrahmen auf. Er habe die Aufträge erledigt auf dem Großmarkt Köpke. Über ihn regte sich August des Öfteren auf, wohl es im Grunde überaus erfreulich war, dass seit Monaten nicht nur sein neuer Hilfsarbeiter Igor, ein muskulöser junger Pole um die zwanzig, sondern zwei weitere Fremdarbeiter vielfältige Pflichten im Haushalt der Radkes erledigten und die Belastung jedes Familienmitglieds deutlich spürbar verringerten; ihre Zahl im Reich war sprunghaft angestiegen. Das Arbeitsamt hatte zeitnah Augusts Antrag auf eine Haushaltshilfe geprüft und ihm auf Basis seiner familiären Verhältnisse gleich drei Personen zugewiesen.

Igor würde ihm besonders im Herbst Arbeitserleichterung bringen. Das Heraushauen der dicken Eisblöcke aus dem Zaskersee erforderte Kraft, August wurde nicht jünger. Der Pole würde ihm assistieren, die Blöcke in seinen Kellerraum befördern und die zuvor mit Pergament sowie mehreren Schichten Stroh umwickelten Butterquader von je etwa einem Kilogramm darin einschichten und kaltstellen. Auf diese Weise funktionierte die Kühlung einwandfrei, dank der frostigen Jahreszeiten. Die Ostarbeiterin Olga Zeisig aus Weißrussland kochte und putzte, und mit Hilfe der polnischen Wäscherin und Näherin Milena Schukowsky sowie Igor, alle drei untergebracht in Barackenlagern, koordinierte er unzählige Prozesse merklich reibungsloser. Zwei Söhne an der Front, die älteste Tochter bei der Marine in der Ausbildung, Ottilie krank – höchste Eile war geboten, zupackende Hände wurden dringend benötigt.

Leonhard hatte ihm angesichts dieser Sachlage erklärt, er könne sich glücklich schätzen, sich nie auf dem Markt in Schneidemühl umgesehen haben zu müssen, wo man Landwirten diese Arbeitskräfte zur Auswahl feilbot. »Wenn ich nicht selbst dort gewesen wäre, ich glaubte es nicht. Sie standen dort zur Schau«, hatte er gesagt. »Sie werden schlechter behandelt als mein Vieh«. Wo hätte man sich beschweren sollen? War Leonhard nicht auch erleichtert über die ihnen zuteil gewordene Unterstützung? Gemäß offizieller Anweisung quartierte man Dienstmädchen wie Olga Zeisig bei den Familien ein, wo sie tätig waren. Die Anliegerwohnung der Radkes war dafür nicht ausgerichtet, die Kinder übernachteten in einem Raum, bis auf Hans, der im Schlafzimmer zwischen den Eltern nächtigte, seit er nicht mehr in die schlichte Holzwiege passte, in der vor ihm seine neun Geschwister geschlummert hatten. Die Wohnstube bot mit gutem Willen Platz für den Esstisch mit acht Stühlen und einer Vitrine. Den einzigen Luxus hielt eine Toilette bereit, begehbar aus der ebenfalls engen Küche. Wenn Frau Zeisig das Putzen in den Räumlichkeiten beendet hatte, Mitte vierzig, beleibt, stets mit buntem Tuch, aus dem weiße Haarsträhnen hervorlugten, haftete ihnen bis in die tiefsten Ritzen derber Schweißgeruch an. Brigittas extrem empfindliche Nase nahm davon jedes Mal Notiz, wenn sie vom Herumtoben in den Hausflur sprang, und schauderte vor Ekel. August sah ihr Bild direkt vor sich, wie sie ihm zuflüsterte, die Zeisig stinke ranzig, davon werde ihr übel, und die Jungs draußen lästerten, die Alte sei faul und ein Untermensch. Er hatte schließlich Einhalt geboten und seiner Kleinen verdeutlicht, Frau Zeisig verfüge in ihrer Wohnstätte über unzureichend Wasser für eine nach anstrengender körperlicher Arbeit anfallende umfangreiche Körperpflege. Auf das Gerede dürfe Gittel nichts geben, wie ihr sei den Lausebengeln die Bedeutung des Wortes Untermensch nicht geläufig, und keinesfalls solle sie glauben, sie sei mehr wert, weil sie behütet und im Wohlstand aufwachse. Betreten hatte August sich abgewandt, er schämte sich, so hochtrabend daherzureden. Frau Zeisigs Unterkunft war nichts weiter als ein lausiges Barackenlager. Sie war gutmütig, sprach mäßig Deutsch. Gegenüber ihren Landsleuten hatte sie es bei Familie Radke gut getroffen. Zumindest hörte er sich gänzlich andere Geschichten des Umgangs mit diesen armen Seelen wiederholt im Laden an, weil sie mit ihnen in der Küche essen durfte, trotz des offiziellen Verbots, Mahlzeiten gemeinsam mit Fremdarbeitern einzunehmen, und weil Ottilie immer ein offenes Ohr für sie hatte. Eine Sache hatte sie allerdings gründlich missverstanden: Sie hatte ernsthaft angenommen, Olga wäre aus freien Stücken ins Deutsche Reich gereist, um sich und ihren Sohn ernähren zu können. Sie habe Ottilie erzählt, wie außerordentlich erfreut sie sei, bei ihnen tätig sein zu dürfen, das hatte Ottilie ihm während der hoffentlich letzten Zugreise nach Berlin mitgeteilt, wohin er ausnahmsweise mitgereist war. Er hatte sie korrigiert, erläutert, dass die Weißrussin unfreiwillig in Hinterpommern gelandet sei, auf die gleiche Weise, wie die übrigen Arbeitskräfte in überraschend hoher Zahl wie Pilze aus dem Osten aufgetaucht seien. Olga habe sich an einem neblig grauen Wintermorgen auf dem Weg zum Einkaufen mit ihrem siebenjährigen Sohn auf offener Straße in Minsk nicht gewehrt, als sie von deutschen Wehrmachtssoldaten ergriffen, auf einen Lastwagen gezerrt und ins Reich verfrachtet worden war. Wie sie fürchtete jeder Deutschstämmige in Weißrussland massiv, man würde danach trachten, sie aufzustöbern, um sie in entlegene Gebiete der Sowjetunion bis an den äußersten Zipfel in Sibirien zu deportieren. Aus dieser Perspektive betrachtet, nahm Olga das vermeintlich geringere Übel in Kauf. Ihr Mann sei da längst nicht mehr am Leben gewesen; den ängstlichen, untergewichtigen Knaben, ihren Sohn, habe sie in höchster Angst, man könne ihn ihr entreißen, krampfhaft umklammert. Jeder habe geglaubt, er wäre ihr Enkel.

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Man lud sie einfach beide in den Transporter. Nein, nein, jedermann wusste, ein verschwindend geringer Prozentsatz der Fremdvölkischen hatte seine Beschäftigung im Deutschen Reich aus eigener Entscheidung gewählt, und selbst wenn – den Arbeitsplatz zu verlassen war strengstens verboten. Es war kein Mysterium. Die vom Waschen ramponierte Schürze Olgas schaute so schäbig aus wie das aufgenähte Abzeichen zwecks Differenzierung der Ausländer: ein schlichtes blaues Stoffquadrat mit dem von weißen Linien eingerahmten und ebenfalls weißen Schriftzug »OST«. Igor verbarg trotz strengen Verbots das lilafarbene »P« auf gelbem Grund an seiner Kleidung. August ignorierte es, ihm war durchaus bewusst, dass es sich bei den angehefteten Symbolen wie bei den Judensternen um eine Diffamierung und bei den verschiedenen Zeichen für Ostarbeiter um eine Abstufung der Gruppen handelte. Warst du Pole, hattest du besonders schlechte Karten. Igor war stolz. Er war kein Bittsteller. Er war furchtlos. Detailliert erinnerte August sich daran, dass seine Eltern seinerzeit ebenfalls Fremdarbeiter beschäftigt hatten, und wie einst dem Vater bedeutete es August eine absolute Christenpflicht, Mitarbeiter zur Genüge mit Nahrung zu versorgen und ihnen mit Respekt zu begegnen, was dankbar angenommen wurde. Unzählige Polen wurden im Reich eingesetzt. August schätzte den Grad der Feindseligkeit, die sie den Deutschen entgegensetzten, als sehr hoch ein. Über Generationen hinweg in einem Land zu leben, das sie für das ihre hielten, bis der polnische Staat nach dem Großen Krieg eine Neubildung erfuhr, um nach einer überschaubaren Phase der Genugtuung abermals überrannt und den deutschen Besatzern zugeschanzt zu werden, und dies obendrein unter der falschen Behauptung seiner Partei, die Polen hätten den Krieg initiiert. Infame Lügen. Jeder Einheimische entlang der polnischen Grenze hatte es entweder selbst bemerkt oder über Flüsterpost von seinen Nachbarn erfahren: Unheimlich anmutende Panzerfahrzeuge waren in Grenznähe aufgetaucht und harrten strategisch geschickt postiert aus in Holzbaracken, Heuschobern oder Ställen. Komischerweise verschwanden sie alle plötzlich wie durch Zauberhand an ein und demselben Tag. Diese Überlegungen umkreisten ihn alleweil. Wäre August ein Pole, dann sicherlich ein Patriot. Ressentiments, gar Hass gegen das polnische Volk, den viele um ihn herum hegten, war ihm fremd, erst recht nicht folgte er der Rassenideologie und hielt Menschen für höher- oder minderwertig. Igor entlockte man kein Lachen, grimmig bewältigte er die Anordnungen und verrichtete das Notwendigste, zumal es strengstens untersagt war, mit Deutschen überhaupt in Kontakt zu treten. Täglich kaufte er nach Augusts Anweisung Frischware ein und lieferte sie mit dem Handwagen an Bedürftige aus, was er glücklicherweise selbständig erledigte. Obwohl er allen auswich, war nicht zu übersehen, dass Brigitta ihn leiden mochte und ihn mit kindlicher Ernsthaftigkeit musterte. Sein kleines Mädchen nahm allen Ernstes an, ihre Familie wäre reich, da ihr Papa sich ihrer Meinung nach mehrere Angestellte leistete. Galt seine innige Liebe der jüngsten Tochter, weil sie schmächtig, wohltuend naiv und gottlob zu jung für den Beitritt zum Jungmädelbund war? Unermüdlich, fürsorglich, verdeutlichte August seinen Zöglingen, jeder Mensch sei wertvoll vor Gott. Bei Hubert schien dies nicht zu fruchten. Nachdem er kürzlich über Igor herzog, man könne von einem »Polacken« nicht erwarten, dass er freiwillig einen Fuß vor den anderen setze, fing er sich eine schallende Ohrfeige ein. Seine Erklärung, Igor arbeite gegen Entgelt, überhörte August geflissentlich, verdrängte, dass Ausländer einen Bruchteil der Einheimischen verdienten. Von der Entlohnung konnten sie unmöglich leben. Ungefragt zweigte Igor sich Nahrungsmittel ab, davon ging August aus, und Olga wurde von seiner Frau hier und da etwas zugesteckt. In ihrer Abwesenheit übernahm dies Adelheid.

Er sei stolz, gab Hubert wiederholt zum Besten, demnächst vom Jungvolk zur Hitlerjugend überzuwechseln, und spätestens von den Kameraden dort erführe er dann, wie Fremdarbeiter zu behandeln seien. August ärgerte sich maßlos, es bestand jedoch kein Zweifel, dass er mit Bedacht handeln musste. Insbesondere die Jugend organisierte der Staat perfekt und vergiftete sie mit der Rassenideologie. Seit drei Jahren nannte man Hubert »Pimpf« und fütterte ihn wie jedes Mitglied des Jungvolks mit der nationalsozialistischen Lehre. Anfangs hatte August versucht, diese Thematik in den eigenen vier Wänden totzuschweigen. Unmöglich. Am Sohn prallten jedwede Belehrungen ab, und Geduld hatte August noch nie ausgezeichnet. Entsprechend gereizt konterte er, falls Hubert seinen Vater unbedingt loswerden wolle, möge er geradewegs ins Parteibüro nebenan marschieren und ihn denunzieren. Nein, je intensiver er es bedachte, mit den polnischen Landsleuten verband ihn sogar etwas – dieselbe religiöse Gesinnung –, wohingegen in Pommern die Katholiken seit Generationen eine verschwindend kleine Minderheit bildeten. Sie alle besuchten die Heilige Messe. Jeden Sonntag spazierte August mit seinem Anhang in die Sankt Johannes-Kirche; mit Ausnahme Huberts liebten sie das wöchentliche Ritual. Sobald das üppige Frühstück beendet war, legte man sich sein festtägliches Gewand an. August schritt voran, eingehakt mit Ottilie. Die drei Mädchen hüpften kichernd hinter ihnen her, Hubert bildete stets trödelnd das Schlusslicht. Häufig stahl er sich aus der Kirchenbank, um draußen am Nebeneingang heimlich eine Zigarette zu qualmen, während Margaret sich mit Hans in der Umgebung aufhielt, um frische Luft zu tanken.

August seufzte. Zu oft versank wer in seinen Grübeleien. Er gab sich einen Ruck, musste und wollte sich auf seine kaufmännischen Aufgaben konzentrieren. Es war nicht nur vorgeschrieben, es war sein unbedingter Wille, immerfort die Ware appetitlich und akkurat in den Regalen und Körben darzubieten. Sauberkeit verstand sich von selbst, desgleichen höfliches, korrektes Gebaren gegenüber den Käufern. Dem widrigen Umstand geschuldet, diese Tätigkeiten meist Aushilfen übertragen zu müssen, begegnete er mit einer umso stärkeren Hingabe und präzisen Attitüde in seinem Laden, wohingegen ihn bei jedem Aufbruch in die Hauptstadt schlechte Laune überfiel wegen der aufgebürdeten Last des Wächterdienstes. Überdies hatte er ein ungutes Gefühl, seine unmündigen Kinder von früh bis spät sich selbst zu überlassen. Er beugte sich über die Theke und starrte angestrengt auf die eng ausgefüllten Seiten seiner Frau, um sich dem Addieren der auf den Reichsfettkarten angegebenen Gewichtseinheiten zu widmen. Seine freien Stunden waren Gold wert, jede Minute zählte.

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Bevor die nächste Kundenwelle anrollte, hängte er sein Emailleschild: »Bin im Lager und sofort zurück« ins Fenster, verriegelte eilig die vordere Tür und verließ den Laden durch den Hintereingang zum Wohnungsflur, um im Hof den ursprünglich als Schutz für Automobile errichteten abschließbaren Holzunterstand zu betreten, in dem seit der damaligen Geschäftseröffnung die Waren lagerten. Zuvor hatte er den Unterstand mit seinen beiden halbwüchsigen Söhnen mühsam mit Sägespänen von innen gedämmt, um den widrigen Witterungsverhältnissen zu trotzen. Das vom langjährigen Freund und Förster Braatz geschossene, am Vortag erworbene Reh verbreitete einen strengen Geruch, obwohl er die Türflügel sperrangelweit geöffnet hatte. In den Holzregalen, über die ganze Fläche auf der linken Raumseite verteilt, warteten säuberlich getrennt Mohrrüben, Rote Beete, Wirsing-, Rot- und Blumenkohl, Kohlrabi, Sellerie und die obligatorischen Kartoffeln auf ihre Käufer. Wruken, die man zu sättigenden Steckrübeneintöpfen verarbeitete und die er genoss, verkauften sich schleppend; sie mahnten an den Mangel des Großen Krieges, den allgegenwärtigen Hunger, der meist mit diesem Gemüse bekämpft wurde, da die Kartoffelernten weitgehend vernichtet worden waren. Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich Äpfel, aufgestapelt in flachen Obstkisten. Sie stammten aus den ausgedehnten Obstplantagen nahe Schneidemühl und verströmten ihr süßes und würziges Aroma.

Es war kühler geworden, das Thermometer zeigte keine zwanzig Grad an, träge bauschige Wolken schoben sich bisweilen vor die Sonne. Immerhin animierte das Wetter zum Einkaufen; die Körbe mit den Beeren leerten sich schon am Vorabend zusehends. August hatte einen Sammelschein inne, entrichtete ordnungshalber jährlich bei seinem Freund Braatz eine Reichsmark für die Erlaubnis, in der Region die Früchte des Waldes pflücken zu dürfen. Um Schönlanke herum erstreckten sich mehrere Wälder, ein wahres Paradies für Beeren- und Pilzsammler wie die Radkes. Auf Augusts Geheiß unternahmen die Kinder bei jeder sich bietenden Gelegenheit Ausflüge in Wald und Flur, befreiten nach umfangreicher Ernte die Pfifferlinge, Butter- und Steinpilze sorgsam von Erde, säuberten die strahlend roten, süße Düfte verbreitenden Himbeeren und Erdbeeren und legten sie handverlesen in die handlichen Körbe. Das Wasser lief ihnen dabei jedes Mal im Munde zusammen, folglich wanderten regelmäßig zu viele der Köstlichkeiten hinein. Ganz schön ärgerlich. Sie hätten, da war man einhelliger Meinung, glatt die doppelte Menge veräußern können.

August sortierte einen Blumenkohl und einige Mohrrüben aus, woraus Olga etwas Schmackhaftes kochen würde. Ein schalkhaftes Schmunzeln huschte über sein Gesicht. Vorbildlich deutsch kam mindestens zweimal wöchentlich Suppe oder Eintopf auf den Tisch und nicht ausschließlich am neuerdings verordneten »Opfersonntag«, seiner Ansicht nach eine Bezeichnung, die kaschieren sollte, dass die Spenden und Sparmaßnahmen neben dem Winterhilfswerk vor allem der Partei dienlichen Zwecken zugute kamen, was selbstredend nicht die offizielle Version war. Unabhängig davon hatte ihm die frühere Namensgebung »Eintopfsonntag« besser gefallen, denn er speiste liebend gern deftig. Viele seiner knackigen Kohlköpfe wanderten direkt in den heimischen Topf. In zwei geräumigen Kisten an der hinteren Wand hatte er Kartoffeln deponiert. Früher gab es neben den bei ihm bekannten Bauern angebauten Knollen die teureren Streckenthiner, besonders die beliebte Sorte Parnassia, deren Transporte eingestellt worden waren. Mangel empfand man eigentlich nicht, außerdem schmeckten alle pommerschen Erdäpfel und waren ausgesprochen gehaltvoll. Tags darauf würde er Igor mit dem Handwagen zu Ottilies Bruder schicken, da Nachschub an Frühlingskartoffeln dringend benötigt wurde. Häufig war er stundenlang damit unterwegs; mit dem A400-TEMPO-Lieferwagen durfte lediglich er unterwegs sein. Großen Wert legte er darauf, seine treuen Kunden sonntags mit dem dreirädrigen lindgrünen Automobil zu beliefern, das er bei Nichtgebrauch im Hinterhof parkte. Nach seiner Rückkehr an späten Sonntagabenden verleibte er sich mit großem Appetit seine geliebte Kliebensuppe ein, löffelte und schlürfte sie andächtig aus und amüsierte sich über Brigittas Abscheu. Sie vermochte den Mehlklümpchen rein gar nichts abzugewinnen. Trotzdem bestand er darauf, dass sie wie alle die tägliche Milchsuppe bis zum letzten Bissen verspeiste. Ihrem merkwürdigen Heißhunger nach Matjesfilet mit Buttermilchkartoffeln wurde seit langem nicht mehr Genüge getan. Das Zelebrieren gewisser Extras war in diesen Zeiten aus mehreren Gründen undenkbar, zudem ging es den Seinen ohnehin um ein Vielfaches besser als Millionen Kindern in den Großstädten.

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Es wurde höchste Zeit für Brigitta. Mit geschultertem Schulranzen und der geliebten dunkelblauen Matrosenmütze in weißgrau abgesetztem Rand stürzte sie auf ihn zu, während er die Kohlköpfe durchzählte. Gern ließ er sich ablenken, vergnügt beobachtete er ihren Eifer und drückte ihr einen Apfel in die Hand. Sie freute sich besonders auf die Musikstunde, in der sie Irmgard antreffen würde. August war im Bilde: Der akute Lehrermangel hatte den Zusammenschluss mehrerer Klassen in einigen Schulfächern nach sich gezogen; die drei Jahre Altersunterschied seiner Töchter spielten beim Singen keine Rolle. Brigitta hob den Apfel an ihre Nase, um die würzigen, säuerlichen Aromen intensiver zu genießen, biss krachend hinein, hielt ihn mit den Zähnen fest, reckte ihre Arme hoch. August hob sie hoch und drückte ihr einen Kuss auf den Haarschopf, den sie aus der Stirn gekämmt und seitlich mit einer Hornspange gebändigt hatte. Wieder stellte er entzückt fest, dass Brigitta ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war. Die gleichen hellgrünen Augen lachten ihn an, dieselbe überschäumende Lebensfreude, die auch ihn überfiel, manches Mal grundlos, Lebensfreude, von der sich die Geschwister gern anstecken ließen. Brigittas Arglosigkeit, Kreativität und Phantasie wollte er unbedingt schützen und fördern. Warum sie den Spitznamen »Pieczek« trug, entzog sich seiner Kenntnis, er spielte eventuell auf ihre geringe Körpergröße an. Bestimmt hatte die freche Irmgard ihn ihr verpasst. Den pommerschen Berg desselben Namens würde er allerdings eher als kleinen Hügel bezeichnen. Brigitta rannte los, quer über den sandigen Weg bis zum tiefgrünen, mittig zu öffnenden Eisentor, welches das Gebäude mit dem angrenzenden verband. Vom geöffneten Tor des Warenlagers aus erspähte August den Polen, der seiner Tochter tief gebeugt durch einen schweren Sack mit Äpfeln auf dem Rücken entgegenkam. Fröhlich streckte sie dem bepackten Igor zur Begrüßung akkurat den Arm aus.

»Sieg Heil!«

Igor hielt abrupt inne und starrte Brigitta mit flammenden Augenblitzen an. Der vor Angst stockende Atem, ihr verstörtes Gesicht verrieten August, dass sie nicht im Geringsten ahnte, womit sie den Zorn des Polen hervorrief. August amüsierte sich. Eben noch stand sie da, stumm und starr wie eine Litfaßsäule, nun nahm sie die Beine in die Hand, als ginge es um ihr Leben. Der abgewetzte braunlederne Ranzen mit dem festgebundenen senfgelben Schwämmchen und dem dünnen Bleistift, den mehrere ihrer älteren Geschwister vor ihr getragen hatten, flog auf und nieder, während sie durch das Eingangstor davonrannte.

Igor betrat wortlos den offenen Schuppen, murmelte, die zweite von ihm im Verkaufsraum abgestellte Lieferung brauche ebenso wenig gewogen werden wie der für die Lagerung mitgeführte Sack mit Äpfeln, das sei alles bereits erledigt. Eine Reaktion wartete er nicht ab, streifte den Sack vom Rücken und ließ die prallen Früchte in eine der beiden kniehohen Holzkisten poltern. August beherrschte sich mühsam. Worüber ärgerte er sich mehr, über die Provokation oder den groben Umgang mit dem Obst? Er ordnete an, Igor solle die Äpfel gefälligst sorgsamer in den Kasten rollen lassen. Wiesen sie erst eine Delle auf, verfaulten sie, die Kosten schulterte er. Alle größeren Mengen an Gemüse und Früchten mussten nach Vorschrift auf seiner eisengrauen Bodenwaage nachgewogen werden, die bis zu einer halben Tonne anzeigte, und wie er Igor einschätzte, hatte er dies zum wiederholten Male nicht getan. August liebte das verhaltene Rumpeln der sich in den Obstkisten sammelnden Früchte. Er war davon überzeugt, wenigstens das vorherige Aufsetzen der Ware auf die Waage hätte er hören müssen. Schlecht gelaunt erinnerte er Igor daran, das Abschließen des Lagers nicht zu vergessen, man erwarte den Inhaber im Verkaufsraum.

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Soeben rechtzeitig hatte er sich an der Kasse aufgebaut, als eine seiner anstrengendsten Kundinnen eintrat, die Witwe Virchow. Er schätzte sie auf etwa fünfzig. Sie hatte ihre Söhne gleich in den ersten Schlachten auf polnischem Boden verloren und machte nichts aus sich: graues Haar, straff zum Knoten frisiert, blasser Teint, hellgraue Flanellbluse, ein leinener Rock in dunklem Braun, ihre Knöchel umspielend. Bitterkeit durchwehte den Raum. Frau Virchow gehörte zu den Kunden, die, kaum hatten sie den Laden betreten, den Arm zum Deutschen Gruß erhoben, ausgestreckt bis in die Fingerspitzen. August vermied geschickt die Erwiderung des vorgeschriebenen Grußes, indem er sich meist mit einer Ware beschäftigt zeigte. Ausnahme: Bohrmann. Das »Heil Hitler« unterdrückte er generell nicht, viel zu riskant. Er konnte es sich schlichtweg nicht leisten. Wie immer bestellte Frau Virchow ihren geliebten Käse, je fünfzig Gramm vom Tilsiter und Stolper Jungchen. Beim Abschneiden und Abwiegen der Sorten erfasste er intuitiv, wie sie ihn genauestens musterte. Es war ihm äußerst unangenehm, er bemühte sich, ihren Blicken auszuweichen.

»Ihre werte Gattin befindet sich noch im Spital? Zum wiederkehrenden Male, wie ich hörte? Was fehlt der Erbarmungswürdigen?« August schloss die kurzfristig angehobene Käseglocke, die Schwaden des herben Camembert-Geruchs hinterließ. Geflissentlich überhörte er die Indiskretion.

»In der kommenden Woche erwarte ich Ottilie mit aktuellen Untersuchungsergebnissen«, erwiderte er knapp. In ihrer Bemerkung, die klang, als sei sie rein rhetorischer Natur, schwang weniger Mitgefühl mit denn verhaltenes Interesse an ihm. Wahrscheinlich bemitleidete sie niemanden. Sich selbst ausgenommen. Wahrscheinlich empfand sie rein gar nichts mehr, die schreckliche Gewissheit des Verlusts hatte jegliches Gefühl der Barmherzigkeit abgetötet. Er beeilte sich zu kassieren, hielt ihr die Tür auf, verabschiedete sich mit einer angedeuteten Verbeugung, schaute an ihr vorbei. Was erwartete diese Person von ihm. Er war verheiratet, dazu mit einem Haufen Nachkommen gesegnet (eventuell waren ihr die drei Sprösslinge entgangen, die nicht mehr daheim wohnten, oder sie hatte herausgefunden, dass diese keiner finanziellen und erzieherischen Zuwendung mehr bedurften). Frau Virchow bildete sich gewiss ein, dass sein Charme bei ihr über das rein Geschäftliche hinausging. Bei aller Liebe, mit Scherzen und Komplimenten nicht zu geizen, fiele es ihm im Traum nicht ein, einer Kundin konkrete Avancen zu machen.

Er war ein seriöser Kaufmann. Ein Vorbild für sein schönes Städtchen.

Postkarte Schönlanke: Hrsg. Kretschmann, Schönlanke 1939

Weitere Informationen

zum Buch

Butter statt Kanonen

  • Erschienen 2025
  • Paperback 255 Seiten
  • Rediroma Verlag
  • ISBN 978-3-98885-820-7
  • Genre: Familienroman
  • Erhältlich: