Man lud sie einfach beide in den Transporter. Nein, nein, jedermann wusste, ein verschwindend geringer Prozentsatz der Fremdvölkischen hatte seine Beschäftigung im Deutschen Reich aus eigener Entscheidung gewählt, und selbst wenn – den Arbeitsplatz zu verlassen war strengstens verboten. Es war kein Mysterium. Die vom Waschen ramponierte Schürze Olgas schaute so schäbig aus wie das aufgenähte Abzeichen zwecks Differenzierung der Ausländer: ein schlichtes blaues Stoffquadrat mit dem von weißen Linien eingerahmten und ebenfalls weißen Schriftzug »OST«. Igor verbarg trotz strengen Verbots das lilafarbene »P« auf gelbem Grund an seiner Kleidung. August ignorierte es, ihm war durchaus bewusst, dass es sich bei den angehefteten Symbolen wie bei den Judensternen um eine Diffamierung und bei den verschiedenen Zeichen für Ostarbeiter um eine Abstufung der Gruppen handelte. Warst du Pole, hattest du besonders schlechte Karten. Igor war stolz. Er war kein Bittsteller. Er war furchtlos. Detailliert erinnerte August sich daran, dass seine Eltern seinerzeit ebenfalls Fremdarbeiter beschäftigt hatten, und wie einst dem Vater bedeutete es August eine absolute Christenpflicht, Mitarbeiter zur Genüge mit Nahrung zu versorgen und ihnen mit Respekt zu begegnen, was dankbar angenommen wurde. Unzählige Polen wurden im Reich eingesetzt. August schätzte den Grad der Feindseligkeit, die sie den Deutschen entgegensetzten, als sehr hoch ein. Über Generationen hinweg in einem Land zu leben, das sie für das ihre hielten, bis der polnische Staat nach dem Großen Krieg eine Neubildung erfuhr, um nach einer überschaubaren Phase der Genugtuung abermals überrannt und den deutschen Besatzern zugeschanzt zu werden, und dies obendrein unter der falschen Behauptung seiner Partei, die Polen hätten den Krieg initiiert. Infame Lügen. Jeder Einheimische entlang der polnischen Grenze hatte es entweder selbst bemerkt oder über Flüsterpost von seinen Nachbarn erfahren: Unheimlich anmutende Panzerfahrzeuge waren in Grenznähe aufgetaucht und harrten strategisch geschickt postiert aus in Holzbaracken, Heuschobern oder Ställen. Komischerweise verschwanden sie alle plötzlich wie durch Zauberhand an ein und demselben Tag. Diese Überlegungen umkreisten ihn alleweil. Wäre August ein Pole, dann sicherlich ein Patriot. Ressentiments, gar Hass gegen das polnische Volk, den viele um ihn herum hegten, war ihm fremd, erst recht nicht folgte er der Rassenideologie und hielt Menschen für höher- oder minderwertig. Igor entlockte man kein Lachen, grimmig bewältigte er die Anordnungen und verrichtete das Notwendigste, zumal es strengstens untersagt war, mit Deutschen überhaupt in Kontakt zu treten. Täglich kaufte er nach Augusts Anweisung Frischware ein und lieferte sie mit dem Handwagen an Bedürftige aus, was er glücklicherweise selbständig erledigte. Obwohl er allen auswich, war nicht zu übersehen, dass Brigitta ihn leiden mochte und ihn mit kindlicher Ernsthaftigkeit musterte. Sein kleines Mädchen nahm allen Ernstes an, ihre Familie wäre reich, da ihr Papa sich ihrer Meinung nach mehrere Angestellte leistete. Galt seine innige Liebe der jüngsten Tochter, weil sie schmächtig, wohltuend naiv und gottlob zu jung für den Beitritt zum Jungmädelbund war? Unermüdlich, fürsorglich, verdeutlichte August seinen Zöglingen, jeder Mensch sei wertvoll vor Gott. Bei Hubert schien dies nicht zu fruchten. Nachdem er kürzlich über Igor herzog, man könne von einem »Polacken« nicht erwarten, dass er freiwillig einen Fuß vor den anderen setze, fing er sich eine schallende Ohrfeige ein. Seine Erklärung, Igor arbeite gegen Entgelt, überhörte August geflissentlich, verdrängte, dass Ausländer einen Bruchteil der Einheimischen verdienten. Von der Entlohnung konnten sie unmöglich leben. Ungefragt zweigte Igor sich Nahrungsmittel ab, davon ging August aus, und Olga wurde von seiner Frau hier und da etwas zugesteckt. In ihrer Abwesenheit übernahm dies Adelheid.
Er sei stolz, gab Hubert wiederholt zum Besten, demnächst vom Jungvolk zur Hitlerjugend überzuwechseln, und spätestens von den Kameraden dort erführe er dann, wie Fremdarbeiter zu behandeln seien. August ärgerte sich maßlos, es bestand jedoch kein Zweifel, dass er mit Bedacht handeln musste. Insbesondere die Jugend organisierte der Staat perfekt und vergiftete sie mit der Rassenideologie. Seit drei Jahren nannte man Hubert »Pimpf« und fütterte ihn wie jedes Mitglied des Jungvolks mit der nationalsozialistischen Lehre. Anfangs hatte August versucht, diese Thematik in den eigenen vier Wänden totzuschweigen. Unmöglich. Am Sohn prallten jedwede Belehrungen ab, und Geduld hatte August noch nie ausgezeichnet. Entsprechend gereizt konterte er, falls Hubert seinen Vater unbedingt loswerden wolle, möge er geradewegs ins Parteibüro nebenan marschieren und ihn denunzieren. Nein, je intensiver er es bedachte, mit den polnischen Landsleuten verband ihn sogar etwas – dieselbe religiöse Gesinnung –, wohingegen in Pommern die Katholiken seit Generationen eine verschwindend kleine Minderheit bildeten. Sie alle besuchten die Heilige Messe. Jeden Sonntag spazierte August mit seinem Anhang in die Sankt Johannes-Kirche; mit Ausnahme Huberts liebten sie das wöchentliche Ritual. Sobald das üppige Frühstück beendet war, legte man sich sein festtägliches Gewand an. August schritt voran, eingehakt mit Ottilie. Die drei Mädchen hüpften kichernd hinter ihnen her, Hubert bildete stets trödelnd das Schlusslicht. Häufig stahl er sich aus der Kirchenbank, um draußen am Nebeneingang heimlich eine Zigarette zu qualmen, während Margaret sich mit Hans in der Umgebung aufhielt, um frische Luft zu tanken.
August seufzte. Zu oft versank wer in seinen Grübeleien. Er gab sich einen Ruck, musste und wollte sich auf seine kaufmännischen Aufgaben konzentrieren. Es war nicht nur vorgeschrieben, es war sein unbedingter Wille, immerfort die Ware appetitlich und akkurat in den Regalen und Körben darzubieten. Sauberkeit verstand sich von selbst, desgleichen höfliches, korrektes Gebaren gegenüber den Käufern. Dem widrigen Umstand geschuldet, diese Tätigkeiten meist Aushilfen übertragen zu müssen, begegnete er mit einer umso stärkeren Hingabe und präzisen Attitüde in seinem Laden, wohingegen ihn bei jedem Aufbruch in die Hauptstadt schlechte Laune überfiel wegen der aufgebürdeten Last des Wächterdienstes. Überdies hatte er ein ungutes Gefühl, seine unmündigen Kinder von früh bis spät sich selbst zu überlassen. Er beugte sich über die Theke und starrte angestrengt auf die eng ausgefüllten Seiten seiner Frau, um sich dem Addieren der auf den Reichsfettkarten angegebenen Gewichtseinheiten zu widmen. Seine freien Stunden waren Gold wert, jede Minute zählte.