»Mutti, die Möwen fliegen ganz niedrig über dem Wasser, hör mal, wie sie lachen«, jauchzte Charlotte. »Sie sind lustig und aufgeregt.«
»Ich bin genauso erfreut wie sie«, lächelte Gitta. »Die Dame hier heißt Edeltraud. Sie stammt aus meiner Heimat, wie ich.«
»Was ist Heimat, Mutti?«
»Ein Platz, nach dem du dich sehnst, Süße. Ich sehe ihn nur in meinen Träumen, weil es solch einen Platz nicht mehr für mich gibt. Heimat ist wertvoller als Gold. Das ist der Ort, wo du in Geborgenheit aufwächst, wo deine Familie wohnt. Den du gern besuchst, wenn du erwachsen bist. Die Landschaft dort bezaubert dich, vielleicht erkennst du Gerüche, die du mit deiner Kindheit verbindest.«
»Geruch nach Fisch?« Charlottes Zähnchen blitzten auf, während sich ihr Mund zum Lachen verzog. Wohlwollend betrachtete Gitta ihre Tochter. »Also ist Heimat etwas Schönes?«
»Ja, Schätzchen. Es fällt mir nur manchmal schwer, mich damit abzufinden, dass ich sie nie mehr besuche, weil alles, was ich dort schätzte, fort ist. Ihr seid es nun, die mein Herz aufheitern, ihr und unser Zuhause am Meer.« Wie gedankenlos, einer Fünfjährigen Verständnis für Heimat nahebringen zu wollen, ohne sich selbst diesen bedeutungsschweren Begriff vergegenwärtigt zu haben. Eine Unterhaltung mit dieser Frau aus Hinterpommern versprach hingegen fesselnde Unterhaltung. Edeltraud, die belustigt die Belehrung verfolgt hatte, würde vielleicht von ihrer Kindheit erzählen. Charlotte durfte den Kinderwagen mit der zwei Wochen alten Karina direkt vor ihr auf und ab schieben; eine Weile würde es funktionieren, bis sie Langeweile bekäme. Bruno war ausnahmsweise zu Hause und kümmerte sich um die dreijährige Annemarie.
Frau Krause machte einen etwas naiven Eindruck mit runden, wässrig-blauen Augen, einem breitflächigen Gesicht und vollem Mund; graue Pudellöckchen, ein schlichtes grau-braunes Kittelkleid in derselben Farbe wie ihre Socken und Sandalen, das ihren vollen Busen und die üppigen Hüften betonte, rundeten das Bild ab. Sie erwähnte nebenbei, sie sei gelernte Krankenschwester und imstande gewesen, eine Teilzeitbeschäftigung durchzusetzen, um ihrer Tochter, die gleichfalls in der Pflege arbeite, unter die Arme zu greifen und die Enkel zu beaufsichtigen. Sie bot das Du an, sprach ohne Punkt und Komma über alltägliche Banalitäten, bis Gitta, sie platzte vor Neugier, zu Wort kam und sich nach Edeltrauds Geburtsstadt erkundigte. In Stettin sei sie geboren, winkte sie mit einer müden Handbewegung ab, heute wolle sie nichts mehr davon hören, habe die Stadt aus ihrem Gedächtnis gestrichen, nachdem man die Deutschen gezwungen habe, diese zu verlassen, mit der Begründung, die Polen kehrten nach Hause zurück. Sie lachte hämisch auf. Ihre Chefin pflegte zu sagen, diese Leute hätten ein merkwürdiges historisches Verständnis, wenn sie nach hunderten von Jahren heimzukehren meinten. Gitta hatte keine Ahnung, wie lange Stettin zu welchem Land gehört hatte, und es wurde letztlich im Zweiten Weltkrieg beinahe dem Erdboden gleichgemacht. Sie war neugierig darauf, was Edeltraud darüber hinaus über die gemeinsame Heimat von sich geben würde.
»Wo in der Provinz hast du damals gearbeitet?«
»In Meseritz, warum fragst du?«
Gitta schluckte. Ihre Freude versiegte. Als hätte sie ihre unausgesprochene Frage laut von sich gegeben, ergänzte Edeltraud: »Dort kümmerte ich mich um die Irren.«
Die Stille schrie.