Bittersüße Bowle

Roman

Inhalt

  • Prolog
  • Der Schreiadler
    • Ein Strauß Beruhigungsmittel
    • Die Geflüchteten
    • Mieter mit Nachwuchs
    • Die Möwen lachen nicht
  • Niemand ist Niemand
    • Oma, das Meer und die Mastkur
    • Weltfremd und abenteuerlustig
    • Der Blick in den Spiegel
    • Oder oder Neiße
    • Mutters Erkundungsreise nach Kiel
    • Onkel Bräsig und die Mauer
    • Mutter, die Neubürgerin
    • Der Eiserne Vorhang
    • Freie Deutsche Jugend
    • Zwei Welten
    • Zeit heilt alle Wunden
  • Gehversuche
    • Freundinnen
    • Die große Freiheit
    • Niedere Instinkte
    • Die Liebe, ein seltsames Ding
    • Bruno, der Junge aus Pommern
    • Links oder rechts
    • Dunke Schatten
    • Karina und Annemarie
  • Epilog

Leseprobe, Teil 1, 4. Kapitel

Die Möwen lachen nicht


»Mutti, die Möwen fliegen ganz niedrig über dem Wasser, hör mal, wie sie lachen«, jauchzte Charlotte. »Sie sind lustig und aufgeregt.«

»Ich bin genauso erfreut wie sie«, lächelte Gitta. »Die Dame hier heißt Edeltraud. Sie stammt aus meiner Heimat, wie ich.«

»Was ist Heimat, Mutti?«

»Ein Platz, nach dem du dich sehnst, Süße. Ich sehe ihn nur in meinen Träumen, weil es solch einen Platz nicht mehr für mich gibt. Heimat ist wertvoller als Gold. Das ist der Ort, wo du in Geborgenheit aufwächst, wo deine Familie wohnt. Den du gern besuchst, wenn du erwachsen bist. Die Landschaft dort bezaubert dich, vielleicht erkennst du Gerüche, die du mit deiner Kindheit verbindest.«

»Geruch nach Fisch?« Charlottes Zähnchen blitzten auf, während sich ihr Mund zum Lachen verzog. Wohlwollend betrachtete Gitta ihre Tochter. »Also ist Heimat etwas Schönes?«

»Ja, Schätzchen. Es fällt mir nur manchmal schwer, mich damit abzufinden, dass ich sie nie mehr besuche, weil alles, was ich dort schätzte, fort ist. Ihr seid es nun, die mein Herz aufheitern, ihr und unser Zuhause am Meer.« Wie gedankenlos, einer Fünfjährigen Verständnis für Heimat nahebringen zu wollen, ohne sich selbst diesen bedeutungsschweren Begriff vergegenwärtigt zu haben. Eine Unterhaltung mit dieser Frau aus Hinterpommern versprach hingegen fesselnde Unterhaltung. Edeltraud, die belustigt die Belehrung verfolgt hatte, würde vielleicht von ihrer Kindheit erzählen. Charlotte durfte den Kinderwagen mit der zwei Wochen alten Karina direkt vor ihr auf und ab schieben; eine Weile würde es funktionieren, bis sie Langeweile bekäme. Bruno war ausnahmsweise zu Hause und kümmerte sich um die dreijährige Annemarie.

Frau Krause machte einen etwas naiven Eindruck mit runden, wässrig-blauen Augen, einem breitflächigen Gesicht und vollem Mund; graue Pudellöckchen, ein schlichtes grau-braunes Kittelkleid in derselben Farbe wie ihre Socken und Sandalen, das ihren vollen Busen und die üppigen Hüften betonte, rundeten das Bild ab. Sie erwähnte nebenbei, sie sei gelernte Krankenschwester und imstande gewesen, eine Teilzeitbeschäftigung durchzusetzen, um ihrer Tochter, die gleichfalls in der Pflege arbeite, unter die Arme zu greifen und die Enkel zu beaufsichtigen. Sie bot das Du an, sprach ohne Punkt und Komma über alltägliche Banalitäten, bis Gitta, sie platzte vor Neugier, zu Wort kam und sich nach Edeltrauds Geburtsstadt erkundigte. In Stettin sei sie geboren, winkte sie mit einer müden Handbewegung ab, heute wolle sie nichts mehr davon hören, habe die Stadt aus ihrem Gedächtnis gestrichen, nachdem man die Deutschen gezwungen habe, diese zu verlassen, mit der Begründung, die Polen kehrten nach Hause zurück. Sie lachte hämisch auf. Ihre Chefin pflegte zu sagen, diese Leute hätten ein merkwürdiges historisches Verständnis, wenn sie nach hunderten von Jahren heimzukehren meinten. Gitta hatte keine Ahnung, wie lange Stettin zu welchem Land gehört hatte, und es wurde letztlich im Zweiten Weltkrieg beinahe dem Erdboden gleichgemacht. Sie war neugierig darauf, was Edeltraud darüber hinaus über die gemeinsame Heimat von sich geben würde.

»Wo in der Provinz hast du damals gearbeitet?«

»In Meseritz, warum fragst du?«

Gitta schluckte. Ihre Freude versiegte. Als hätte sie ihre unausgesprochene Frage laut von sich gegeben, ergänzte Edeltraud: »Dort kümmerte ich mich um die Irren.«

Die Stille schrie.

Seite 2

Im Bruchteil einer Sekunde erfasste Gitta die unheilvolle schicksalhafte Begegnung. Edeltraud musste vor Ort gewesen sein während der Regierungszeit der Nazis, als die angeblich Geisteskranken und Asozialen getötet wurden. Sie wagte sich vor.

»Du pflegtest sie? Man sagt, dort wurden psychisch Kranke zu Tausenden umgebracht. Hast du dort Menschen das Leben genommen?«

»Du scheinst seinerzeit den Prozess um die Pflegerinnen von Meseritz-Obrawalde in der Presse nicht verfolgt zu haben? Ich sage es dir hiermit ein für alle Mal: Wir haben die Anweisungen der Ärzte befolgt, wir wurden unter den herrschenden Umständen genötigt, sie zu befolgen.« Gitta war sprachlos. Hier sagte ihr jemand rundheraus, dass es geschah; dass Unschuldige mutwillig um ihr Leben gebracht wurden. Gitta rätselte, von welchem Prozess die Frau sprach, und ob ihr bewusst gewesen war, was sie tat. Handelte es sich bei einer Anweisung um einen Befehl? Anfangs sei ihr die Angelegenheit ein wenig unheimlich gewesen, plauderte Edeltraud weiter, dann habe sie die Grübelei überwunden. Sie und ihre Kollegen seien ja der Volksgemeinschaft von Nutzen gewesen, indem sie unwertes Leben aus der Welt geschafft hätten.

»Unwertes Leben?! Wie kannst du auf diese Weise über Menschen reden.«

»Das ist Ansichtssache. Ein lebenswertes Dasein hatten die dort versammelten Kreaturen allesamt nicht mehr vor sich. Eine Tätigkeit, welcher Art auch immer, hätten sie nicht mehr ausgeübt. Darüber hinaus hatte man uns an unseren Schwur erinnert, dem Führer zu dienen.« Edeltraud benutzte dies als Argument für die Tötung eines Menschen. Gitta wurde es zunehmend beklemmend zumute. Den Arbeitsplatz habe sie dringend benötigt, fuhr Edeltraud fort, und mit allen möglichen Maßnahmen seien die Pfleger bedroht worden für den Fall, die Instruktionen nicht befolgt zu haben. Sollte das eine Entschuldigung sein? Edeltraud blickte starr geradeaus. Wie leichtfertig, ja herzlos ging diese Person mit dem Leben um. Wie es aussah, hatte sie sich so lange Rechtfertigungen für das Töten der Kranken zurechtgelegt, bis sie daran glaubte. Versorgt habe sie die Patienten, wie es der Staat von ihr verlangt habe. Reine Routine sei es geworden. Und schlussendlich seien sie vor Gericht freigesprochen worden.

Edeltraud war angeklagt worden? In Gittas Umfeld war von einem derartigen Gerichtsfall nie die Rede.

»In München fand vor einiger Zeit ein Euthanasie-Prozess statt. Wie lächerlich, mehr als ein Dutzend Pflegekräfte der heimtückischen gemeinsamen Beihilfe zum Mord anzuklagen. Sogar die Presse war anwesend, man hat die Geschichte richtig aufgebauscht. Leider hatte ich nicht genug Geld, um mir wenigstens eine ordentliche Jacke für diesen speziellen Anlass zu kaufen.« Keiner der Pfleger sei bestraft worden, vollkommen in Ordnung, sie seien lediglich ausführende Organe gewesen. Von Schuld könne keine Rede sein. Sie überlegte einen Moment. Vielleicht die Doktoren, die hätten das Sagen gehabt. Dann mokierte sie sich über Gittas Aufregung.

»Was interessierst du dich heute noch für Heilanstalten aus der Kriegszeit? Kein Mensch will etwas darüber erfahren.«

»Meine Schwester …«, Gitta schwindelte es; sie war äußerst dankbar zu sitzen. »Adelheid wurde dort ermordet«, brach es aus ihr heraus. »Ich werde sie mein Leben lang vermissen, meine arme Mutter bekam es noch mit und starb vier Wochen darauf. Nicht einmal ein Foto existiert von ihr, und du benimmst dich, als seien die ärztlichen Arbeitsanweisungen und zweifellos deren Ausführungen, nämlich Patienten umzubringen, für dich dein normaler Alltag gewesen.«

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Urplötzlich stieg ein Gedankensplitter in ihr hoch. Hermine! Ein junger Mann hatte im elterlichen Butterladen von seiner Schwester Hermine gesprochen, die dort gearbeitet und Adelheid als Schwester Erikas identifiziert hatte. Gittas Interesse zu erfahren, ob Edeltraud eine Kollegin namens Hermine kannte, war gleich null. Warum hatte sie dieser völlig fremden Frau Krause, die ihr von einem Augenblick zum anderen wie ein Scheusal erschien, dieses schreckliche, nicht zu begreifende Ereignis offenbart? Warum verfolgte das Schicksal sie bis nach Kiel und quälte ihre Seele? Adelheid, die sich wie eine Mutter um alles und jeden gekümmert hatte, war lautlos entschwunden. Kein Hahn krähte einst und heute nach ihr und den Abertausenden Ausgesonderten. Unzählige Menschen wurden mit dem Stempel der geistigen Behinderung versehen und zum Tode verurteilt, angefangen mit von Geburt an Gehörlosen bis hin zu Epileptikern. Davon hatte man in der Kirche gepredigt.

Edeltraud überhörte geflissentlich Gittas Klage, zeigte weder Erstaunen noch sonst eine Gefühlsregung, heftete ihren Blick auf den Blumenteppich direkt vor ihren Füßen. Warum war es schlagartig eiskalt? Diese Person wagte es, die perfekte, pflichtbewusste, unschuldige Schwester zu spielen. Kein Mensch würde ihr ein Tötungsdelikt zutrauen. Im Gegenteil, bei ihrem mütterlichen Äußeren neigte man dazu, sich ihr anzuvertrauen. Nun hatte sie ungerührt ihr liebloses Gemüt preisgegeben und sich demaskiert. Bis nach Süddeutschland habe man sie für ihre Aussage antanzen lassen, klagte sie, um sie als Gehilfin einzustufen und festzustellen, sie sei eine Befehlsempfängerin gewesen. Zwanzig Jahre nach Kriegsende, wie absurd. Wen wunderte es, dass die Zeugen sich nach mehreren Anhörungen in Widersprüche verstrickt und sich der Lächerlichkeit preisgegeben hätten.

Gitta wollte sich keine Minute länger mit dieser Frau befassen, die jegliches Schuldbewusstsein bestritt. Wollte sie den Unterschied zwischen Zeugen und Angeklagten nicht verstehen?

»Du musst in Dutzende, wenn nicht Hunderte von Tötungsdelikten, verwickelt gewesen sein«, wagte Gitta einen letzten Vorstoß. Nicht die Zeugen seien verhört worden, sondern sie und die anderen Pfleger, die als Beschuldigte vorgeladen worden seien. Es gehe um persönliche schreckliche Vergehen gegen Unschuldige. Verantwortung übernahm Edeltraud nicht. Man solle sie mit dem Quatsch in Ruhe lassen. Niemand wisse etwas von einem Ort Meseritz. Sie winkte ab. Frau Krause war schlichtweg unbelehrbar. Beängstigend. Wenn man sich vorstellte, dass sie gar den einen oder anderen Patienten gezwungen hatte, die Medikamente zu schlucken, oder sie ihnen gewaltsam eingeflößt hatte? Bitter sah Gitta der Tatsache ins Auge, dass diese Frau, während sie selbst zu Tode entsetzt war, abgeklärt vor sich hinstarrte. Dabei hatte Edeltraud Krause sie im ersten Moment an die gutmütige Weißrussin Olga Zeisig erinnert, die in Vaters Wohnung putzte, und sie für ebenso gutherzig gehalten. Mit einer kurzen abwehrenden Handbewegung erhob sich Gitta von der Bank. Diese unscheinbare Person flößte ihr auf einen Schlag Angst ein. Frau Krause kniff Augen und Lippen zusammen, setzte sich unvermittelt kerzengerade auf.

»Du bist noch jung, Gitta«, rief Edeltraud ihr nach. »Du wirst es erleben: Man wird nie aufhören zu bestimmen, welche Leben es wert sind, gelebt zu werden. Denk ruhig einmal darüber nach, was es für dich bedeutet.« Gitta hatte dies tatsächlich bisher nie reflektiert. Musste man sich diese Frage stellen? Wer bestimmte, welches Leben wert oder unwert war? Sie riss die erschrockene Charlotte vom Kinderwagen los.

»Die Möwen lachen nicht mehr, Liebes. Sie zetern und schreien. Lasst uns nach Hause gehen.«

Weitere Informationen

zum Buch

Bittersüße Bowle

  • Erschienen 2025
  • Paperback 401 Seiten
  • Rediroma Verlag
  • ISBN 978-3-98885-825-2
  • Genre: Familienroman
  • Erhältlich: