Die Akte Kurosh Kashani

Novelle

Leseprobe



Es ist kühl geworden in den Dünen. Wir sitzen in kleinen Grüppchen im Sand mit angezogenen Knien und meiden längere Gespräche. Uns verbindet das gleiche Schicksal: Wir scheiterten in dem Land, das wir unter Aufbietung all unserer Kräfte erreicht hatten. Der Staat, in dem wir ein neues Leben beginnen wollten, spie uns aus. Nicht allein unsere Herzen befinden sich in einem desolaten Zustand. Wir misstrauen mittlerweile jedem, sogar unseren eigenen Landsleuten. Posten der Grenzüberwachung, eine Spezialeinheit der Polizei, lauern überall. In regelmäßigen Abständen kontrollieren sie den Strandbereich. Wir reden wenig, wir flüstern. Es gibt etwas, das wir Perser verachten: Schweigen, wenn man reden müsste, und sprechen, wenn man schweigen sollte. Und so sitzen wir, eine überschaubare Gruppe mit iranischer Staatsangehörigkeit, bestehend aus sechzehn Männern und drei Frauen, meist still und ergeben da und warten auf den Fluchthelfer.

Eine tiefe Mulde, erst aus nächster Nähe einsehbar, haben wir etwas außerhalb von Calais tags zuvor gesucht und gefunden. Am gefährlichsten sind nicht die Helikopter, die uns in der Dunkelheit nicht entdecken, denn wir tragen selbstverständlich gedeckte Farben. Die neuerdings eingesetzten Drohnen und Spürhunde sind es, die in der vergangenen Woche einen flüchtigen Afghanen jagten wie Freiwild, bis er lang hinschlug und abgeführt wurde. Die Nachricht verbreitete sich im Nu und wird unter Neuankömmlingen sofort weitergereicht. Nach meiner Schätzung warten derzeit mindestens tausend über das Gebiet zwischen Ambleteuse und Loon-Plage verteilte Flüchtende mit ihrer letzten Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf ihre Überfahrt. Jeden Abend, flüstert einer der Männer im Kreis, bilden sich am Strand unterschiedliche Gruppierungen, die auf ihre Kontaktperson treffen.

Ein Trupp dunkler Gestalten entschwindet in der eintretenden Dunkelheit, ich höre das Boot auf die Wasseroberfläche aufschlagen und kann sie von meiner Mulde aus gerade noch vorsichtig einsteigen sehen. Das regelmäßige Anschlagen der Gischt am Ufer überdeckt jegliches verräterische Plätschern. Nahezu geräuschlos rudern sie auf das Meer hinaus und werden eins mit ihm. Es herrscht eine gefährliche Lautlosigkeit. Andere Flüchtende werden auftauchen, kleine Grüppchen, größere Einheiten, mehrheitlich dunkelhäutig, halbe Kinder. Diese Teenager rücken unaufhörlich nach, sagt eine der Frauen. Sie lassen sich durch nichts aufhalten; ihr jugendlicher Optimismus, Lebensglück, Erfolg zu finden, ist direkt spürbar.

Ich sehe die Dinge etwas nüchterner, bin angespannt, ruhig. Doch im Innern wechseln sich Gebete und sehnsüchtige Gefühle ab, Bilder von Masoumehs lockigen dichten Haaren, ihrer zarten hellen Haut, ihren ebenmäßigen Zähnen. Inständig hoffe ich, nicht noch eine Nacht ausharren und mich tagsüber unsichtbar machen zu müssen.

Je weiter entfernt von Calais die Überfahrt nach England gestartet wird, so hatte ich es gegoogelt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, Frankreich erfolgreich zu verlassen. Die Überquerung von der engsten Stelle des Kanals aus anzutreten, beinhaltet dagegen ein geringeres Risiko, England nicht zu erreichen, sobald man das Boot bestiegen hat. Das Gefährlichste am Unterfangen allerdings, und dies war mir nicht präsent: Man muss extrem auf die zahlreich den Kanal durchquerenden Riesen Obacht geben, um ihnen weiträumig zu entrinnen, bevor die von ihnen ausgehenden Fahrwellen das winzige Schlauchboot zum Kentern bringen. Ich frage mich, ob es überhaupt möglich ist, dies zu bewerkstelligen, ob die Schiffe ausreichend Licht ausstrahlen, um sie frühzeitig auszumachen. Die Kanalenge beträgt an der schmalsten Stelle noch dreißig Kilometer. Bei der bis zu drei Stunden dauernden Überquerung gilt es, ganz besonders achtsam zu sein und den Ungetümen auszuweichen.

Nach einem nächtlichen Anruf bei einem Cousin in England hatte sich mir die Überfahrt auf diese große Insel als letzter Rettungsanker angeboten, auch wenn der Cousin mich davor warnte. Selbst während der anschließenden, verzweifelten Diskussion mit Masoumeh nahm ich diese Möglichkeit als einzige Option und allerletzte Chance wahr, einer Verhaftung durch die deutsche Polizei zu entrinnen. Ich hoffe, diese ultimative Flucht wird mir gelingen, trotz der Todesangst. Das Wagnis werde ich überstehen, ich werde den Ärmelkanal in einem Schlauchboot überwinden, heimlich, illegal, bei Nacht. Ich habe mich für die Überquerung von Calais aus entschieden, obwohl diese Variante kostspieliger ist, als von irgendeiner anderen Stelle am Strand zu starten, und werde die Straße von Dover mit einer überschaubaren Anzahl Flüchtender in einem tragfähigen, sicheren Schlauchboot überwinden, wie der Fluchthelfer es versprochen hat. Während der Hals über Kopf angetretenen Autofahrt von Niederbayern nach Frankreich hatte ich, da Masoumeh am Steuer saß, einen Bericht über die Zustände rund um Calais studiert. Darin hieß es, die Schleuser seien äußerst umsichtig, dennoch gelinge es der Polizei oft, eines dieser ans Wasser gezogenen und bereitgestellten Gummiboote zu konfiszieren. Kurzerhand würden sie hineinstechen, mit hoher Geschwindigkeit und großer Wucht, als empfänden sie dabei Spaß.

Wir bilden eine vergleichbar kleine Gruppe. In einiger Entfernung hocken Albaner in einer Senke, mindestens zwei Dutzend Personen, und zwischen ihnen duckt sich eine Frau mit einem Kleinkind. Ein Stück dahinter harrt eine größere Anzahl Iraker aus. Die Temperaturen sinken im Frühling nicht mehr unter null Grad. Dennoch ist an Schlaf nicht zu denken, wir kauern bereits stundenlang unbeweglich auf demselben Fleck, und langsam versteifen sich die Gliedmaßen. Irgendwann nach Mitternacht hat die Kälte uns voll im Griff; wir frieren erbärmlich.




Motivation

zur Novelle

Die Gesellschaft wird überschwemmt mit Schlagworten wie “Flüchtlinge sterben auf dem Meer”, sie erfährt jedoch viel zu wenig über die Schicksale der Menschen.

Die Annäherung an das Migrationsthema ist gewollt so unpolitisch wie möglich gehalten. Stattdessen werden Aspekte wie Humanität, Menschenwürde und Antidiskriminierung stärker beleuchtet.

Unterstrichen wird dies an einem in der Gesellschaft als eher untypisch angesehenen Flüchtling, denn nicht alle Schutzsuchenden sind per se bettelarm und ungebildet.



Weitere Informationen

zum Buch

Die Akte Kurosh Kashani

  • Erschienen 2026
  • Gebundene Ausgabe 142 Seiten
  • Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt
  • ISBN 978-3695709946
  • Genre: Novelle
  • Erhältlich:

Zum eBook

  • Erschienen 2026
  • Printausgabe 142 Seiten
  • Verlag BoD – Books on Demand, Norderstedt
  • ISBN 978-3696308254
  • Genre: Novelle
  • Erhältlich unter anderem: