Die Reise nach Polen
Kurzgeschichte
Charlottes Eltern erreichten das begnadete Alter von beinahe neunzig Jahren. Ihr schien es so, als kosteten sie jeden Tag aus, jede Woche, jedes Jahr. Nie fiel ihr Geburtstag aus, das heißt, zweimal jährlich fand eine Geburtstagsparty statt, die ihrer Mutter und die ihres Vaters. Obwohl Charlotte in Bayern lebte, trachtete sie ständig danach, einen günstigen Flug nach Hamburg zu ergattern und im Anschluss mit dem Autobus eineinhalb Stunden bis nach Kiel zu fahren, um nach dem Rechten zu sehen. Behauptete sie. Wenn sie mir davon erzählte, bemühte ich mich nachzuvollziehen, wie sie und ihre Familie tickten. Ich bekam es nie wirklich heraus, obwohl ich glaubte, eine Seelenverwandtschaft mit Charlotte zu pflegen.
Zum achtzigsten Geburtstag des Vaters war ich eingeladen, er mochte mich gut leiden, flirtete sogar mit mir auf eine unbeholfene, fast kindliche Art und Weise. Und seine Frau zeigte keinerlei Eifersucht, im Gegenteil, sie machte sich lustig über ihn. Doch das störte ihn offenbar gar nicht. Sie tranken beide gern Bier, soviel sie vertrugen, und tanzten vergnügt bis zum Umfallen. Charlotte hatte einst erzählt, ihre Eltern hätten viele Angehörige verloren, und sie seien als Kinder aus ihrer Heimat vertrieben worden. Zehn Jahre später flohen sie aus der DDR und benötigten weitere zehn, um in Kiel Fuß zu fassen. Das war mit Sicherheit ein Grund, so viele Feste wie nur irgend möglich zu feiern. Jedes auch noch so kleine Ereignis wurde von ihnen in bester Partylaune begossen, so dass Charlotte ihren nahenden Tod zu verdrängen begann. Sie flog weiterhin vier bis fünf Mal jährlich zu ihnen in den Norden. Sie begann sie zu befragen über ihre Heimatstadt Schönlanke. Gott schien ihnen gnädig zu sein, denn er nahm die Eltern kurz nacheinander und plötzlich zu sich. Obwohl es Zeichen der Erschöpfung, Signale, Krankheit gegeben hatte, waren alle schockiert. Berichtete Charlotte. Sie habe gewusst, dass die Tage ihrer Eltern gezählt waren. Das Fatale war: sie hatte geglaubt, ihr Ableben und ihre dauerhafte Abwesenheit einfach wegstecken zu können. Sie war gläubig und wähnte beide beim Herrn. Doch sie fiel in ein tiefes Loch.
Ich wusste nicht, wie sehr ich sie geliebt habe. Sagte sie.
Ich wusste nicht, wie tief der Tod ins Herz schneidet.
Charlotte hatte bis zuletzt gewünscht, gefürchtet, ersehnt, mit ihrem Vater nach Polen zu reisen. Ihre Mutter hätte sie nicht begleitet. Sie wolle den Schmerz nicht wecken, hatte sie erklärt. Charlotte sprach mehrmals mit mir über ihre Polen-Pläne; die Zeit verging, die Eltern starben. Sie benötigte Jahre, um ihre Trauer zu bewältigen.
Diesen Sommer jedoch war es soweit, Charlotte fühlte sich gefestigt. Einem inneren Zwang folgend, zog es sie in die Woiwodschaft West- und Großpolen. Da ich Journalistin für ein Reisemagazin in München bin, hatte ich Charlotte gebeten, ihren Trip nach Stettin und Trzcianka zu beschreiben und möglichst viele schöne Fotos zu schießen. Vor allem sich vor Ort zu melden. Doch das tat sie nicht. Während Charlotte unterwegs war, sandte sie keine lustigen Bilder, wie ich es sonst von ihr gewohnt war. Keine Kommentare, keine erfrischenden Anekdoten. Ihr Mobiltelefon hatte sie ausgeschaltet. Ich begann, mir Sorgen zu machen. Ich wusste so gut wie nichts von Polen, weder vom Land noch von den Leuten, geschweige denn verstand ich ihre Sprache. Französisch hatte ich in der Schule gelernt, benötigte es mein ganzes Leben lang nicht. Polnisch wurde überhaupt nicht angeboten.